Nationalpark Hunsruck-Hochwald
24.06.2021 18:42 Uhr Alter: 39 days
24.06.2021

Forscher im Nationalpark brauchen vor allem Geduld

Im Nationalpark Hunsrück-Hochwald laufen zahlreiche spannende kurz- und auch längerfristige Forschungsprojekte. Die Ergebnisse einiger dieser Projekte wurden jetzt in einem ersten Forschungsband veröffentlicht. Auf der Website des Nationalparks können alle Beiträge heruntergeladen werden kann. Jan Rommelfanger, Leiter der Abteilung Forschung, Biotop- und Wildtiermanagement im Nationalparkamt, arbeitet in seinem Beitrag die grundsätzliche Bedeutung von Forschung für Nationalparke heraus.

„Die Besonderheit von Nationalparken besteht darin, dass sich Naturvorgänge weitgehend ohne menschliche Einflussnahme vollziehen können,“ hebt Dr. Harald Egidi, Leiter des Nationalparkamtes, hervor. Das Umweltgefüge im Nationalpark - Strukturen, Wuchsformen, Artenzusammensetzung - verändert sich stetig. Es entsteht die „Wildnis von morgen". „Damit bilden Nationalparke per se spannende Labore für die Wissenschaft“, sagt Dr. Egidi. Der Öffentlichkeit wird das allerdings nicht immer bewusst.

Das liegt sozusagen in der Natur der Natur: Aus einem Wald wird nicht innerhalb weniger Jahre eine Wildnis und erst recht kein Garten Eden. Es explodiert nicht plötzlich die Zahl seltener, am besten noch auffälliger und optisch ansprechender Pflanzen oder es siedeln sich bedrohte Tierarten an. „Veränderungen laufen häufig sehr langsam ab“, erklärt Jan Rommelfanger. Es ist also Geduld gefragt. „Die Entwicklung von Populationen unterliegt jährlichen Schwankungen, Gradationen bauen sich über Jahre auf, Effekte auf andere Organismen wiederum treten zeitversetzt erst in den Folgejahren auf.“ Forschung in Schutzgebieten greift daher oftmals auf lange Zeitreihen zurück, die sich über Jahrzehnte erstrecken kann. Forschung und Monitoring sind Daueraufgaben.

Ohnehin ist die Vorstellung von einem stabilen ökologischen Gleichgewicht irreführend: „Die Regel sind Veränderungen, Schwankungen und das Auftreten plötzlicher, unerwarteter Ereignisse.“ Die Erforschung gerade der nicht menschengemachten Störungen – z.B. Windwurf, Insektenbefall, Waldbrände – ist für die Wissenschaft interessant. Außerhalb von Nationalparken würden regulierende Maßnahmen ergriffen. Hier ist es möglich, die Entwicklung ohne menschliche Einflüsse zu beobachten.

Daraus ergibt sich aber auch ein Konflikt zwischen Nationalparkzielen und Forschung. Die Forschungsvorhaben selbst können ebenfalls zum Störfaktor werden, wenn bis in die letzten Winkel der Flächen, in sensiblen Bereichen wie Feuchtgebieten oder teilweise bis in die Kronen der Bäume hinein untersucht wird. Falls möglich, sollte Forschung, die auch außerhalb des Nationalparks stattfinden könnte, auch außerhalb stattfinden. Eine Alternative sind teilweise nicht-invasive Methoden der Fernerkundung.

Grundsätzlich stehen im Nationalpark Prozesse im Fokus der Schutzbemühungen. Forschungsvorhaben beziehen sich dennoch häufig auf Arten. Diese Arten stehen allerdings meist nicht für sich, sondern repräsentieren als „Zeiger“ vielmehr ganze Artengruppen, Lebensgemeinschaften und damit Lebensbedingungen. Auch die Naturnähe wird immer wieder an Arten, Artengruppen oder Strukturen festgemacht. Interessant sind dabei die Vernetzung, die Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen den Arten.

Die nackte Zahl vorhandener Arten ist zwar leicht greifbar und für jedermann verständlich, greift aber naturschutzfachlich zu kurz: Es ist nicht Aufgabe des Nationalparks, „eine möglichst hohe Artenzahl auf der Fläche vorzuweisen,“ betont Rommelfanger. „Aus dem Wissen über das Vorkommen einer Art lässt sich keine Aussage über die Qualität eines Nationalparks, die Erreichung seiner Ziele oder den Erfolg des Managements treffen.“

Das gilt auch für seltene Arten, bei denen häufig Forderungen nach besonderen Schutzmaßnahmen laut werden. Auch dabei muss eine Abwägung der Ziele innerhalb des Nationalparks erfolgen: „In vielen Nationalparken wird das lokale Aussterben einzelner Arten als Teil natürlicher Dynamik in Kauf genommen.“ Grundsätzlich muss die wesentliche Empfehlung immer sein: „Tut nichts oder, wenn das nicht möglich ist: Tut weniger oder tut es störungsärmer.“

Forschungsergebnisse zeigen immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit, bei deren Interpretation man Vorsicht walten lassen sollte. Das gilt auch für die Vergleichbarkeit der Ergebnisse in verschiedenen Nationalparks. Lange Zeitreihen und die Berücksichtigung vieler Messpunkte in verschiedenen Gebieten können die Aussagekraft erhöhen. Forschungsverbünde und Netzwerke sind daher hilfreich. Für das Management einzelner Flächen sind diese Daten allerdings nur schwer nutzbar, so dass die Forschung beide Ansätze verfolgen sollte: lokal und übergreifend.

Alle Beiträge des Forschungsband gibt es als Einzeldateien online:
www.nlphh.de/forschungsband


Zur Info

Deutsche Nationalparke stehen für großflächige, naturnahe Landschaften. Deshalb sind sie für die natürliche Entwicklung - für das Entstehen von Wildnis -  besonders gut geeignet. Die Arbeitsgemeinschaft „Nationalparke in Deutschland“ sieht Wildnis als Pendant zu Kultur und Zivilisation. Sie beschreibt Wildnis als „kulturelles Phänomen, das sich nicht naturwissenschaftlich definieren lässt“.

Wildnis steht in Nationalparken für die natürliche Entwicklung, eine Dynamik, die der Natur freien Lauf lässt. Der Leitgedanke „Natur Natur sein lassen“ beschreibt das Zulassen natürlicher Prozesse, in die Menschen bewusst nicht gestaltend eingreifen. Die große Fläche eines Nationalparkes gewährleistet diese Entwicklung. Ein Nationalpark dient somit der Umsetzung der Wildnisziele der Biodiversitätsstrategie.


Hintergrund

Wissenschaftliche Umweltbeobachtungen und -forschung, wie auch die Dokumentation der Ergebnisse, sind eine der Aufgaben in Nationalparks. Das Nationalparkamt hat aber keine eigene Forschungsabteilung, sondern es koordiniert und moderiert Forschungsvorhaben und stößt diese an. Nahezu alle Hochschulen und Universitäten aus Rheinland-Pfalz, Saarland und auch darüber hinaus sind im Forschungsverbund um den Nationalpark eingebunden, ebenso die Ressortforschungsanstalten der Länder Rheinland-Pfalz (FAWF in Trippstadt), Baden-Württemberg (FVA Freiburg) und Niedersachsen (NW FVA) sowie das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz.

Das Nationalparkamt engagiert sich auf Bundesebene in der Arbeitsgruppe „Forschung“ der Nationalen Naturlandschaften und im Netzwerk für Langzeitmonitoring. Neben vielfältigen naturwissenschaftlichen und ökosystemaren Ansätzen geht man auch sozioökonomischen Fragen nach.